(Minghui.org)
Musik war schon immer ein zentraler Bestandteil der traditionellen chinesischen Kultur. Im Buch der Riten ist geschrieben: „Darum waren die alten Könige bei der Gestaltung von Sitte und Musik nicht darauf bedacht, das Begehren von Mund und Magen, Ohr und Auge restlos zu erfüllen, sondern ihre Absicht war, das Volk zu lehren, seine Zu- und Abneigungen zu mäßigen, und es auf das rechte Ziel des Menschenwegs zurückzubringen.“ [1]
Musik wurde also geschaffen und weitergegeben, um Harmonie zwischen Himmel und Erde zu erzielen, den eigenen Charakter zu verbessern und die Seele zu nähren – sie zu einer höheren Existenzebene zu erheben.
Das Shiji (Aufzeichnungen des Chronisten) ist eines der meist beachteten Werke in der chinesischen Literaturgeschichte. In dem Kapitel Abhandlung über Musik ist eine Begebenheit über den Musikmeister Shi Kuang aus dem Staat Jin zur Zeit der Frühlings- und Herbstannalen (770–481 v. Chr.) aufgezeichnet.
Herzog Ping vom Staate Jin richtete ein Bankett für Herzog Ling vom Staate Wei aus. Während der Festlichkeit bat Herzog Ling seinen Musikmeister Shi Juan, ein neues Musikstück vorzutragen, das sie auf ihrer Reise kennengelernt hatten. Noch bevor das Stück zu Ende gespielt war, unterbrach Shi Kuang die Darbietung und sagte: „Das ist die Musik eines untergehenden Staates. Ihr solltet das nicht spielen.“
Der gastgebende Herzog Ping zeigte sich erstaunt und fragte seinen Musikmeister, wie er darauf komme. „Dieses Stück wurde von Shi Yan komponiert, dem Musikmeister, der die dekadente Musik für König Zhou der Shang-Dynastie (einer der verkommensten Herrscher der chinesischen Geschichte) schuf“, erklärte Shi Kuang. „Als König Wu König Zhou angriff, floh Shi Yan nach Osten und warf sich in den Fluss Pu, wo er ertrank. Dort erklingt diese Musik. Wenn ein Staat solch eine Musik hört, wird er zerfallen.“
Aber dem Herzog Ping gefiel das Stück und er bestand darauf, es zu hören, woraufhin Shi Juan das Stück zu Ende spielte. Nach dem Stück fragte Herzog Ping: „Gibt es Musik, die noch bewegender ist als diese?“ Shi Kuang antwortete: „Ja, die gibt es.“
Herzog Ping war daran interessiert, sie zu hören, aber Shi Kuang riet davon ab: „Die Tugend und Aufrichtigkeit Eurer Hoheit sind begrenzt. Es wäre besser, diese Musik zu vergessen.“ – „Aber ich liebe Musik und ich möchte sie hören“, entgegnete der Herzog.
So blieb Shi Kuang keine Wahl, als seine Zither zu greifen und die Musik zu spielen. Während des ersten Teils des Stücks versammelten sich schwarze Kraniche im Hof und während des zweiten Teils reckten die Kraniche ihre Hälse, trompeteten und tanzten mit ausgebreiteten Flügeln.
Angetan von dieser Szene erhob sich Herzog Ping, um auf Shi Kuang anzustoßen, und fragte erneut: „Gibt es Musik, die noch bewegender ist als diese?“ Und Shi Kuang antwortete erneut: „Ja, die gibt es. In alten Zeiten hat der Gelbe Kaiser Himmel und Erde mit Musik beschworen. Aber die Tugend und Aufrichtigkeit Eurer Hoheit sind begrenzt. Es wäre besser, diese Musik nicht zu hören, sonst wird das katastrophale Folgen nach sich ziehen.“
„Ich bin ein alter Mann und was ich am meisten liebe, ist die Musik. Ich wünsche, diese Melodie zu hören“, insistierte Herzog Ping. Wiederum blieb Shi Kuang keine Wahl, als das Stück zu spielen. Während er den ersten Teil des Stücks vortrug, türmten sich am Himmel aus dem Nordwesten kommend weiße Wolken auf. Während des zweiten Teils erhob sich ein mächtiger Sturm. Die Dachziegel stürzten herab und die Bankettteilnehmer flüchteten in Panik. Völlig verängstigt suchte Herzog Ping Schutz zwischen den Palastsäulen. Nach diesem Vorfall ereilte den Staat Jin eine schwere Dürre, die das Land drei Jahre lang unfruchtbar machte.
Zwar war die Melodie dieselbe, aber der Gelbe Kaiser, der legendäre Urahn der chinesischen Zivilisation, besaß große Tugend und spielte die Musik mit Würde zu Ehren der himmlischen Schöpfung. [Anmerkung der Redaktion: Mehr dazu kann der Leser in Teil I erfahren]. Herzog Ping hingegen betrachtete die Musik als ein Mittel zur Unterhaltung, wobei er sich trotz der Warnung von Shi Kuang nicht davor scheute, auch destruktive Musik zu seiner Unterhaltung zu konsumieren. Diese Missachtung und der Mangel an Respekt für virtuose Musik entfalteten eine entsprechende Wirkung.
Dem Konfuzianismus werden fünf Klassiker zugerechnet: Das I Ging (Buch der Wandlungen), das Shangshu (Buch der Urkunden), das Shijing (Buch der Lieder), das Liji (Buch der Riten) und das Chunqiu (Frühlings- und Herbstannalen). Diese klassischen Schriften sollen auf eine lange Historie zurückgehen, schon bevor Konfuzius sie sammelte und zusammenstellte. Tatsächlich hatte er ein sechstes Buch, das Yuejing (Buch der Musik) zusammengefasst, welches jedoch verloren ging.
Ein Grund dafür mag sein, dass Musik ein Geschenk des Himmels ist – eine Verbindung von Himmel, Erde und der Seele. Aber wenn die Menschen in der Musik nicht mehr sehen als ihr bloßes Vergnügen und wenn sie sich verfallenden moralischen Werten hingeben, dann verlieren sie den Zugang zur Essenz der Musik.
Cai Yong, ein bekannter chinesischer Gelehrter zur Zeit der Han-Dynastie, schrieb eine Geschichte über Yu Boya, einen Musiker aus der Zeit der Frühlings- und Herbstannalen.
Yu lernte von dem Musikmeister Cheng Lian, der ihm alles über die Musik beibrachte. Nach drei Jahren spürte Yu jedoch, dass dem Klang seiner Musik etwas fehlte. Eines Tages sagte Cheng zu ihm: „Ich kann dich jede erdenkliche musikalische Fähigkeit lehren, nicht jedoch die Essenz der Musik. Mein Meister Fang Zichun weiß sehr viel über Musik. Er lebt auf der Insel Penglai im Ostmeer und vermag dir die Essenz der Musik nahezubringen. Wollen wir ihn gemeinsam aufsuchen?“
Nachdem die beiden die Insel erreicht hatten, sagte Cheng zu seinem Schüler: „Bitte warte hier und übe schon mal. Ich werde meinen Lehrer holen.“ Mit diesen Worten ließ er Yu alleine.
Einige Tage vergingen und Cheng war immer noch nicht wieder aufgetaucht. Sich alleine die Zeit vertreibend, hörte Yu nichts als die Natur: das unentwegte Rauschen des Meeres, die Laute der Vögel aus den umliegenden Bergen und Wäldern, in denen keine Menschenseele hauste. Mit einem tiefen Seufzen murmelte er schließlich: „Jetzt verstehe ich, was Musik ist.“ Und er begann zu spielen.
Als die ersten Noten erklangen, spürte Yu förmlich, wie er im weiten Himmel und der endlosen See aufging und die Musik ohne jede Anstrengung aus ihm hervorströmte. Alles war erfüllt von Leben; die Vögel, der Ozean, die Berge und die gesamte Natur. Er war in vollkommener Harmonie mit dem Himmel und der Erde.
Als Yu zu Ende gespielt hatte, sah er, dass Cheng bereits zurückgekehrt war. „Nun hast du die Essenz der Musik gelernt“, sagte ihm sein Lehrer.
Die traditionelle chinesische Kultur besaß ein tiefes Verständnis über unsere Verbindung zur Natur. Im Xici (Teil der Zehn Flügel, ein Kommentar zum I Ging) heißt es: „In alter Zeit, als Fu Xi die Welt regierte, blickte er hinauf und betrachtete die Bilder am Himmel; blickte hinab und betrachtete die Gesetzmäßigkeiten der Erde; beobachtete die Spuren der Tiere und Vögel und ihre Eignung für verschiedene Umgebungen; näherte sich, um den menschlichen Körper zu beobachten, und entfernte sich, um alle Dinge zu beobachten. So schuf er die acht Trigramme, um in Gemeinschaft zu treten mit den Tugenden der lichten Gottheiten und um die Verhältnisse aller Wesen zu ordnen.“
In ähnlicher Weise ist traditionelle Musik ein Geschenk, das unser Sein und unsere Leben bereichert. Tradition und Musik bilden ein harmonisches System, das unser Verhalten zwischen Himmel und Erde anleitet. Im Einklang mit der Balance von Yin und Yang führt es unser Herz zur Güte und kommt dem Wohl der ganzen Gesellschaft zugute.
(Fortsetzung folgt)
[1] Konfuzius. Li Gi - Das Buch der Riten, Sitten und Gebräuche (Fernöstliche Klassiker) (German Edition). Jazzybee Verlag. Kindle-Version.