Aus Deutschland: Überlegungen zu „Was bedeutet eigentlich Anhaftung?“

(Minghui.org) Der Meister sagt:  

„Obwohl sich manche in der Umgebung der Dafa-Jünger aufhalten, haben sie sich nicht wirklich kultiviert und sind nicht hereingekommen. Im entscheidenden Moment betrachten sie die Dinge immer mit menschlicher Gesinnung, menschlichen Gedanken und menschlichen Gefühlen.“ (Nimm Abstand von der Gefahr, 31.08.2023)

Beim wiederholten Lesen des Artikels fragte ich mich, was der Meister mit „menschlichen Anhaftungen, menschlichem Denken und menschlichen Gefühlen“ meint. Unterscheiden sie sich denn voneinander? Was genau sind die menschlichen Anhaftungen, die wir beseitigen müssen? Woher kommen oder entwickeln sich diese Anhaftungen? Warum tauchen sie immer wieder auf? Warum ist es manchmal leicht, eine Anhaftung zu erkennen und sie zu beseitigen, und manchmal sehr schwer?                                                       

In den vergangenen zwei Jahrzehnten meiner Kultivierung habe ich zwar immer wieder verschiedene Anhaftungen entfernt, aber es gab immer wieder welche, die erneut auftauchten. Das konnten neue Anhaftungen sein oder auch alte, die sich auf unterschiedliche Weise manifestiert hatten. Bei manchen dachte ich, dass ich sie losgeworden sei, bis sie sogar noch stärker zurückkehrten. Nehmen wir zum Beispiel die Bequemlichkeit: Ich hatte sie bereits früher entdeckt, ging ernsthaft damit um und beseitigte sie. Aber sie kam immer wieder zurück, als ob das Verlangen endlos wäre.                                      

Anhaftungen und Begierden haben mich immer wieder gequält. Mein Kultivierungszustand war meist unbeständig. Wenn ich das Fa las, schien es so, als ob es nichts geben würde, was ich nicht loslassen könnte. Aber sobald ich das Buch weglegte, wurde ich gewöhnlicher als ein Mensch, der nicht praktiziert. Schon die kleinsten Dinge konnten mein Herz bewegen. Doch auch nach sorgfältigem Nachdenken verstand ich nicht, was genau die Anhaftung war.                                                             

Als ich die früheren Fa-Erklärungen des Meisters las, fiel mir das Konzept von Anschauungen auf, über das der Meister immer wieder sprach. Bevor die Verfolgung begann, erwähnte der Meister in fast allen seinen Vorträgen die menschlichen Anschauungen. Und im Zhuan Falun spricht er wiederholt und aus verschiedenen Blickwinkeln über diese menschlichen Anschauungen:       

„Was die Menschen am schwersten aufgeben können, sind ihre Anschauungen. Manche opfern sogar ihr Leben für falsche Grundsätze und können sich nicht ändern.“ (Für wen existieren, 11.07.1998, in: Essentielles für weitere Fortschritte)

Die meiste Zeit bin ich der festen Überzeugung, dass das, was ich denke und tue, richtig ist und mit dem Fa übereinstimmt. Also denke und handle ich dementsprechend. Aber ist das wirklich richtig und kommt das tatsächlich von meinem wahren Selbst?                                            

Der Meister sagt:

„Wisst ihr, welche Wirkung eure Worte haben, in denen die erworbenen Anschauungen und die Gedanken, die in unterschiedlichen Zeitperioden gebildet wurden und das Gedankenkarma hineingemischt sind?“ (Fa-Erklärung auf der Fa-Konferenz im Osten der USA, 27.–28.03.1999)

In Wirklichkeit werden unsere Worte und Handlungen die meiste Zeit von unseren Anschauungen kontrolliert und nicht von unserem wahren Selbst. Während der vielen Jahre, in denen ich mich kultivierte, schien es so, dass ich Anhaftungen entdeckt und beseitigt hätte, ohne dabei auf meine menschlichen Anschauungen geachtet zu haben. Meine Anschauungen waren etwa, dass kaltes Essen Wasser in meinem Körper ansammele, dass bei langem Stehen meine Beine anschwellen würden, dass man zu bestimmten Jahreszeiten leicht schläfrig oder müde werde, dass man sich ausruhen oder schlafen müsse, wenn man müde sei und dass man sich bei einem Schock oder Schrecken nur schwer beruhigen könne. All diese menschlichen Anschauungen stammten aus dem, was ich gelernt und erfahren hatte. Sie waren für mich zu Fakten und Prinzipien geworden.                        

Als Praktizierender sollte ich mich besser verhalten als ein gewöhnlicher Mensch. Obwohl ich mich selbst als Praktizierenden bezeichnete, wusste ich jedoch nicht, ob ich mich wirklich kultivierte oder was es heißt, sich zu kultivieren.

Ich versuche nicht, meine Vergangenheit anzuzweifeln oder zu negieren, indem ich diese Fragen stelle. Ich spüre einfach die Notwendigkeit, nach innen zu schauen und mir in der grundlegenden Frage „Was ist Kultivierung?“ wieder sicher zu werden. Die Dinge, die der Meister als „menschliche Anhaftungen“ bezeichnet, sind möglicherweise die Zehntausende von Ideen, Konzepte und Vorstellungen, die wir über eine lange Zeit in der menschlichen Gesellschaft gebildet haben. Sind sie nicht die Wurzel, welche die Besessenheit und das Karma nähren?

Die Bedeutung von „Vorstellung“ (guan nian) im Chinesischen ist „Beobachten und Denken“. Wörtlich bedeutet es, dass ein Mensch, der sehen kann, über das, was er sieht, nachdenkt. Seine Gedanken bilden dann eine Vorstellung. Diese Vorstellung wird nach einer Weile zur Anhaftung. Einmal hörte ich, wie jemand sagte: „Die Fähigkeit eines Menschen bestimmt, was er sehen kann.“ Ganz gleich wie hoch seine Fähigkeit und seine Ebene ist, er glaubt dennoch nur das, was er sieht.

Sehen heißt glauben. Auch wenn Menschen unterschiedliche Auffassungen von ein und derselben Sache haben, kann sich niemand der menschlichen Denkweise entziehen. Solange ein Mensch lebt, denkt er in einer Art und Weise, die ihm Ansichten und Konzepte, Ideologien und Überzeugungen, Erfahrungen oder sogar Obsessionen vermitteln. Sie basieren auf dem, was er sieht und hört. Diese Ansichten, Überzeugungen und Erfahrungen nutzt er dann, um Menschen und Dinge zu beurteilen. Das ist ein unvermeidliches Funktionsmodell eines gewöhnlichen Menschen. Als Praktizierende müssen wir geradezu vermeiden, feste Anschauungen zu bilden und mit diesen Anschauungen zu beurteilen. Gleichzeitig müssen wir die Anschauungen, die wir bereits haben, aufdecken und beseitigen.                                                        

Der Meister erklärt:

„Nachdem eine Anschauung gebildet worden ist, kontrolliert sie dich das ganze Leben lang; sie lenkt dein Denken und sogar deine Freude, deinen Ärger, deine Trauer und Fröhlichkeit. Die Anschauung wird nach der Geburt gebildet. Wenn dieses Ding lange da ist, wird es Teil des menschlichen Denkens, verschmilzt mit dem Gehirn des wahren Selbst und wird zum Naturell des Menschen.Die Anschauungen, die gebildet worden sind, werden dich das ganze Leben lang behindern und kontrollieren.“ (Buddha-Natur, in: Zhuan Falun Band II)

Ein Mensch lebt sein Leben, indem er seine Interessen schützt und sich vor Schaden bewahrt; ob bewusst oder unbewusst. Die Anhaftungen und Wünsche eines Menschen dienen der Befriedigung seiner Bedürfnisse. Nehmen wir zum Beispiel meine Vorliebe für Bequemlichkeit. Ich bin der Meinung, dass Dinge mit möglichst wenig Aufwand und Mühe erledigt werden sollten, auch bei der Arbeit. Meine Kollegen sagen, ich sei sehr effizient und gut im Zeitmanagement. Aber ich wusste, dass ich eigentlich faul war, Ärger fürchtete und mich nach Bequemlichkeit sehnte. An der Oberfläche lebte ich bequem, aber mein wahres Ich schlief und war einfach nicht anwesend.

Wenn ich diesen Gedanken bei der Kultivierung akzeptiere, nehme ich die Kultivierung nicht mehr ernst. Als ich einmal Flyer über Falun Dafa verteilte, legte ich einen ganzen Stapel an einem Ort ab und dachte: „Es ist nicht leicht für mich, hierher zu kommen. Besser ich lasse gleich viele da, damit ich nicht so schnell wiederkommen muss.“ Dabei dachte ich nicht daran, Menschen zu erretten, sondern hatte nur Zeit und Aufwand im Sinn. Wie konnte ich denn denken, dass es in der Kultivierung, der Fa-Bestätigung und der Errettung von Menschen Abkürzungen gibt? Jedes Leben, das errettet wird, und jede Charakterverbesserung wird durch solide Kultivierung erreicht. Das geschieht mit jedem Schritt, den wir in unsere Kultivierung investieren.

Wann hat sich meine Anhaftung an Bequemlichkeit herausgebildet? Wie haben sich meine Anschauungen dahingehend entwickelt, dass es so weit kam?

Als ich anfangs das Fa lernte, empfand ich es nie als lästig, mehrmals am Tag hinauszugehen, um das Fa zu lernen und die Übungen zu machen. Damals war ich nicht ungeduldig oder wollte früher gehen, wenn ich lange unterwegs war. Egal was passierte, ich war einfach froh, mit anderen Praktizierenden zusammen zu sein. Die Anhaftung an Bequemlichkeit manifestierte sich erst, als ich nach Deutschland kam.

Hier gab es nicht mehr das Umfeld wie in China, um regelmäßig das Fa zu lernen. Ich selbst konnte meine Zeit nicht gut einteilen. Mit der Hausarbeit und anderen Pflichten, die ich zu erledigen hatte, und den Dingen, die ich lernen oder tun wollte, wurde die Zeit knapp. Allmählich wurde ich effizienter und zielorientierter. Alles, woran ich dachte, war, mehr Dinge in kürzerer Zeit zu erreichen. Die Effizienz-Mentalität sowie die Vorteile, die dadurch entstanden, und das Gelingen, das ich dadurch erfuhr, veränderten mich. So entwickelte ich die Angewohnheit, bei allem, was ich tat, Abkürzungen zu nehmen. Daraus resultierte mein Hang zur Bequemlichkeit. Die Zeit, die ich durch Effizienz einsparte, nutzte ich nicht, um das Fa zu lernen und die Übungen zu machen – auch nicht für Projekte für Dafa – sondern um mich auszuruhen, Romane zu lesen oder im Internet zu surfen. Anfangs begründete ich noch das Ganze, um mir einzureden, dass es in Ordnung sei. Später störte mich die Bequemlichkeit nicht mehr, ich gab ihr einfach nach.

Die Kultivierung ist eine ernsthafte Angelegenheit und ich sollte nicht ständig nach Ausreden suchen, um meiner menschlichen Seite zu frönen. Zum Beispiel sagte ich innerlich zum Meister: „Ich lebe noch unter den gewöhnlichen Menschen und habe eine menschliche Seite.“ Das war nichts anderes als der Versuch, die Anforderung der Kultivierung zu senken.

Der Meister sagt:

„Müssen wir bei unserer Kultivierung nicht höhere Maßstäbe an uns anlegen? Wenn du sagst: ,Solange ich es noch nicht erreicht habe, kann ich immer noch menschliche Anschauungen verwenden und mich entsprechend fordern‘, dann bleibst du für immer ein Mensch.“ (Fa-Erklärung auf der Fa-Konferenz in Neuseeland, 8.05.1999)

Der Meister betont, wie wichtig es ist, die menschlichen Anschauungen zu beseitigen. Wir müssen die menschliche Oberfläche durchbrechen:

„Aber es ist sehr schwer, die Gedanken und Anschauungen, die nach der Geburt gebildet worden sind, zu beseitigen; und genau das ist es, worum es bei der Kultivierung geht.“ (Buddha-Natur, in: Zhuan Falun Band II)

Wir müssen die menschlichen Anhaftungen aufgeben, um unser wahres Selbst zu finden.

Das ist mein derzeitiges Verständnis. Bitte weist mich auf alles hin, was nicht im Einklang mit dem Fa steht.