Süddeutsche Zeitung: "Alle wurden geschlagen und getreten"

Ein Münchner Handelsvertreter demonstriert in Peking für die Falun-Gong-Bewegung

Der Handelsvertreter Bernhard Aurhammer, 37, aus München demonstrierte auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking gegen die Verfolgung der Falun-Gong-Bewegung. Gemeinsam mit etwa 40 anderen westlichen Praktizierenden der Meditationslehre wurde er verhaftet und abgeschoben.

SZ: Was genau geschah auf dem Platz des Himmlischen Friedens?

Aurhammer: Um 14 Uhr haben wir uns alle auf dem Tiananmen- Platz getroffen. Der Platz war bereits voller Polizisten, weil die Behörden von dem Treffen erfahren hatten. Kaum hielten wir unsere Transparente mit „Falun Gong ist gut“ hoch, stürzten sie sich schon auf uns. Mich rissen sie zu Boden und stießen mich in ein Auto, wo schon andere von uns saßen.

SZ: Was ist den anderen passiert?

Aurhammer: Alle wurden geschlagen und mit den Füßen getreten, einige bluteten aus aufgerissenen Lippen, andere hatten blaue Augen und Rippenprellungen, manche wurden gewürgt. Selbst die Frauen wurden geschlagen oder an den Haaren gerissen.

SZ: Wie ging es dann weiter?

Aurhammer: Ich wurde mit 15 anderen in einem Raum des Polizeipräsidiums am Flughafen festgehalten, 22 Stunden lang. Man nahm uns Geld, Pässe, Handys und Fotoapparate weg.

SZ: Was wollten Sie erreichen?

Aurhammer: Wir wollten das negative Bild korrigieren, das China von uns zeichnet. Wir sind keine Sekte, sondern eine unpolitische Meditationsschule. Und wir wollten die Medien darauf hinweisen, wie brutal Falun-Gong-Praktizierende in China verfolgt werden.

SZ: Was geht dort vor sich?

Aurhammer: Seit 1999 ist Falun Gong in China verboten. Seither sind Hunderttausende in Arbeitslagern verschwunden, wo sie „umerzogen“ und misshandelt werden. Wir glauben, dass bereits 1600 Menschen zu Tode gefoltert wurden, darunter ein Baby. Im Januar ist eine chinesische Freundin in ihrer Heimat verhaftet worden. Ich habe seitdem nichts mehr von ihr gehört.

SZ: Warum ist Falun Gong den chinesischen Behörden so ein Dorn im Auge?

Aurhammer: Es ist eine Lehre, die auf Werten wie Aufrichtigkeit und Mitgefühl basiert. Das passt nicht in ein atheistisch-kommunistisches Weltbild.

SZ: Sie wussten, wie brutal die chinesische Polizei vorgehen würde, und haben sich doch in diese Gefahr begeben.

Aurhammer: Ich fühle mich gegenüber meinen chinesischen Freunden moralisch verpflichtet. Mich als Westler müssen die Chinesen laufen lassen, sonst verstoßen sie gegen internationales Recht. Wenn ich demonstriere, riskiere ich nur ein blaues Auge. Ein Chinese würde bei so einer Aktion sein Leben aufs Spiel setzen.

SZ: Fürchten Sie nicht, dass nach dieser Aktion Ihre Freunde noch stärker unterdrückt werden?

Aurhammer: Wie kann es noch schlimmer werden, wenn man Babys vor den Augen ihrer Mütter foltert und Menschen auf offener Straße erschießt oder mit Elektroschocks quält, weil sie Falun-Gong-Übungen machen?

SZ: In diesen Tagen reist US-Präsident Bush nach Peking. Was erwarten Sie von den westlichen Regierungen?

Aurhammer: Dass sie mehr Druck ausüben auf China, was die Verletzung der Menschenrechte angeht, anstatt nur die Wirtschaftsbeziehungen zu verbessern. Ich würde keine Geschäfte mit einem Mörder machen wollen.

SZ: Würden Sie noch einmal nach Peking fahren und Schläge einstecken?

Aurhammer: Ja, wenn ich dadurch dazu beitragen kann, di e Situation der Menschenrechte in China zu verbessern.

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